Gläserne Klangerzeugung

Es gibt zwei allgemein bekannte Möglichkeiten, Gläsern Töne zu entlocken: durch Anschlagen und durch Reibung mit angefeuchteten Fingerspitzen am oberen Rand. Gläser zu musikalischen Zwecken anzuschlagen ist sicherlich schon so lange gebräuchlich, wie es Glas gibt. Viele Quellen belegen solche Idiophone aus Glas vorwiegend im orientalischen Raum. Ein Beleg für europäische Glasidiophone findet sich in der Theorica musicae (Mld. 1492) von Fr. Gaffurius. Im Rahmen der 'Pythagoräischen Experimente' wird dort im "Experimentum III" die Reaktion der unterschiedlichen Temperamente auf bestimmte Töne beschrieben.

 

Historische Entwicklung der Glasinstrumente

Das erste bekannte vollwertige Musikinstrument aus Glas ist 1596 im Inventar der Sammlung von Schloß Ambras/Tirol aufgeführt: "ain Instrument von Glaswerch" in einem schön verzierten kleinen Kästchen mit einem chromatischen Umfang von drei Oktaven und einer Terz. Ein "Glasspiel" beschreibt Kircher in seinem 1673 erschienenen Werk Phonurgia nova. Die Form der abgebildeten, wassergestimmten Gläser würde eine Nutzung als Friktionsinstrument zulassen. Die Anordnung und geringe Anzahl der Gläser läßt jedoch eher auf eine beispielhafte Darstellung des Prinzips bzw. eine Versuchsanordnung schließen als auf ein bestimmtes Musikinstrument. Den ersten eindeutigen Beleg für die Klangerzeugung mit geriebenen Gläsern findet man in der Anleitung, wie "eine lustige Weinmusica zu machen" sei, in den Deliciae physico-mathematicae von Georg Philipp Harsdörffer (1607-1658): "Nimm acht gleiche Gläser, schenke in eines einen Löffel mit Wein, in das andere zwei Löffel, in das dritte drei und also fort und fort; alsdann laß ihrer acht zugleich die Finger netzen und auf des Glases Rand herumfahren, so wirst du eine lustige Wein-Musica haben, daß dir die Ohren wehe thun; du kannst es aber auch mit weniger Gläser auf Terzen, Quinten und Octaven richten, und nach der Gläser Größe das Wasser mehren und mindern". Auf S. 488 der Deliciae wird über ein erstaunliches Experiment berichtet, welches an Gaffurius erinnert und auf die Bedeutung der nur fünf gefüllten Gläser bei Kircher einen Hinweis geben könnte: Die unterschiedlichen Klänge von vier mit Weinbrand, Wasser, Wein bzw. Salzwasser oder Öl gefüllten Gläser sollten Harsdörfer zufolge sogar die 'Dicke des Blutes' und andere Krankheiten beeinflussen oder kurieren können. Die erwähnten Flüssigkeiten ändern zwar entgegen der Darstellung den Klang nicht, doch ist es bemerkenswert, daß schon in diesen frühen Zeugnissen die besonderen Klangeigenschaften geriebenen Glases und deren vermeintliche physiologische Wirkung thematisiert wurden.

Die Glasharmonika ist ein 1761 von Benjamin Franklin entwickeltes Reibe-Idiophon, das in der Geschichte der Musik eine hervorragende Stellung besetzte, heute jedoch weitgehend vergessen ist. Zur Tonerzeugung dienen verschieden große, ineinandergeschobene Glasglocken, die auf einer gemeinsamen waagerechten Achse lagern, die durch ein Pedal in Rotation versetzt wird. Gespielt wird die Glasharmonika durch das Berühren der Glockenränder mit einem feuchten Finger. Der Tonumfang der chromatisch gestimmten Glasharmonika beträgt zweieinhalb bis vier Oktaven. Eine Variante ist die Klavierharmonika, die mit einer Tastatur und einer Mechanik zum Streichen der Gläser ausgestattet ist.

Das erste Konzert auf der neuen Harmonika (wie die franklinsche Armonica seit ihrer Verbreitung im deutschsprachigen Raum genannt wurde) gab Marianne Davies (1740 - ca. 1818), eine Verwandte von Franklin, schon Anfang 1762 im Great Room in Spring Gardens und kurz darauf in Bristol, London und Dublin.

Weitere Harmonikas wurden alsbald in großer Anzahl gerade in den damals deutschsprachigen böhmischen Gebieten von zahlreichen Herstellern angefertigt. In diesen Regionen waren die zur Glasherstellung notwendigen Rohstoffe reichhaltig vorhanden und die Techniken der Glasverarbeitung entsprechend weit entwickelt

Im Jan. 1791 trat Marianne Kirchgeßner zusammen mit ihrem künftigen Begleiter und Förderer, dem einflußreichen Musikverleger Heinrich Philipp Carl Bossler und dessen Gattin, ihre erste Konzertreise durch Europa an. Ihr Harmonikakonzert in Wien am 10. Juni 1791 veranlaßte Mozart, ein Quintett für Harmonika, Flöte, Oboe, Viola und Cello (KV 617) und ein Solo-Adagio (KV 617a = KV 356) für sie zu komponieren. Am 19. Aug. folgte die Uraufführung von KV 617, das zur Grundlage ihrer zehnjährigen außergewöhnlich erfolgreichen Virtuosenreise werden sollte.

Neben zahlreichen Solo- und Kammermusikwerken entstanden auch immer mehr Orchesterstücke für und Opern mit Glasharmonika. Sie fungierte in den kleineren Theatern oft als Orgelersatz und wurde in bedeutenden Inszenierungen solistisch in dramaturgischen Schlüsselszenen eingesetzt, um mit ihrer einzigartigen Klangfarbe die Besonderheit der jeweiligen Szene zu unterstreichen, z.b. in der sog. Wahnsinns-Szene in Donizettis Lucia di Lammermoor (1835 Neapel). Auch viele Dichter der Zeit, u.a. Goethe, Schiller, Jean Paul, Herder, Wieland, Schubart, E. T. a. Hoffmann und der Philosoph Hegel, äußerten sich in ihren Werken zu dem bemerkenswerten Klangcharakter der Harmonika als akustischer Ausdruck der 'Werther'-Zeit.

Ab etwa 1830 geriet die Glasharmonika mehr und mehr in Vergessenheit, da andere Instrumente mit ähnlicher dynamischer Ausdrucksfähigkeit existierten, wie die Physharmonika Anton Haeckls. Der immer gewaltigere Orchesterklang und die Tendenz zu expressiver solistischer Virtuosität verdrängten zunehmend die Kammermusik und die Glasharmonika als ein typisches Instrument dieses Genres.

Erst Richard Strauss nahm 1919 für seine Oper Die Frau ohne Schatten große Mühen und Kosten auf sich, um die Glasharmonika in der Schlüsselszene des Werkes im 3. Akt einsetzen zu können.

Ab 1929 stellte der Stuttgarter Bruno Hoffmann (1913-1991) zur Wiedergabe der Harmonikaliteratur ein Glasspiel zusammen, dessen Aufbau den Musical glasses entsprach und auch genauso gehandhabt wurde (s. br. Hoffmann, in: MGG). Er gab diesem Instrument später den Namen "Glasharfe" ((engl. glass harp, frz. harpe de verre, ital. arpa di vetro), faszinierte in seiner 60jährigen Konzerttätigkeit ein weltweites Publikum mit dem besonderen Klang des Glases, trug viele Originalwerke durch intensive Forschungsarbeit zusammen und initiierte zahlreiche zeitgenössische Kompositionen. Hoffmann erreichte nicht zuletzt durch seine zahllosen Vorführungen in Schulen eine gewisse Allgemeinbekanntheit des Begriffes Glasharfe, wodurch heute noch selbst in Fachkreisen die (Glas-)Harmonika oft fälschlicherweise als Glasharfe bezeichnet wird.

Die Brüder Bernard und François Baschet entwickelten in Paris ca. 1955 ihre Metallskulpturen aus Blechen und Eisenstäben, an denen sie teilweise Glasstäbe befestigten, zu einem Musikinstrument weiter, dem Crystal, das im wesentlichen die Klangerzeugung von Chladnis Euphon entspricht, jedoch durch großflächige Blechresonatoren größere Amplituden und Nachhallzeiten aufweist.

1956 versuchten Corning Glass und M.i.T./Boston zusammen mit dem Orgelbauer Schlicker und dem berühmten Organisten Edward Power Biggs zum Gedenken an den 250sten Geburtstag Franklins und zum 200sten Geburtstag Mozarts, eine (Tastatur-) Glasharmonika neu zu bauen, da die Museumsinstrumente unspielbar waren. Trotz immenser finanzieller Aufwendungen scheiterte das Projekt, da die Töne zu schlecht ansprachen und auf dem entstandenen Instrument nur kleinere Solostücke zu verwirklichen waren. Erst ab 1983 etwa gelang es wieder für anspruchsvolle Harmonikawerke zu gebrauchende Glasharmonikas herzustellen, und seit der zeitgleichen Gründung der Vereinigung Glass-Music-International (Loveland/Col.) gibt es heute weltweit etwa zehn Harmonikaspieler und etwa 130 Glasmusiker.

Seit 1981 baut der amerikanische Glasbläser Gerhard Finkenbeiner (Boston/Mass.) wieder Harmonikas. Er verwendet Quarzglas, das leicht bis in die viergestrichene Oktave reicht und in den hohen Tonlagen schnell anspricht, jedoch im Bass bis f herunter in der erforderlichen Größe problematisch und sehr kostenaufwendig herzustellen ist. Finkenbeiner erhält seine Schalen, indem er Quarzrohre an einer Glasbläserdrehbank erhitzt und manuell auf die gewünschte form bringt, was eine große handwerkliche Geschicklichkeit verlangt, um auf diese Weise einen komplett ineinander passenden Schalensatz für ein Instrument zu erhalten.

1983 erfand der Glasmusiker Sascha Reckert das (Röhren-)Verrophon aus senkrecht in einem Holzkorpus stehende Glasröhren, die an ihren oberen offenen Rändern genauso gespielt wie die Musical glasses, jedoch nimmt nicht der Durchmesser, sondern nur die Länge zum Bass hin zu. Dadurch sind je nach Lage selbst sechs- bis achtstimmige Akkorde greifbar. Die gesamte Literatur für Harmonika ist auf dem (Röhren-)Verrophon spielbar. Es findet bereits wegen seiner außergewöhnlichen Klangintensität Verwendung im symphonischen Bereich, als Orchester- und Soloinstrument, und in der zeitgenössischen Oper. 1986 nahm Reckert schließlich die Tradition der böhmischen Glasharmonikabauer Pohl wieder auf und stellt zusammen mit der Glashütte Eisch (Frauenau), zur originalgetreuen Wiedergabe der Mozartwerke und der Opernliteratur, Harmonikas aus mundgeblasenem Kristallglas her. 1992 verwirklichte Reckert bei den Salzburger Festspielen die Erstaufführung des vollständigen Glasharmonikaparts in Die Frau ohne Schatten, mit dem von Strauss original vorgesehenen Instrument.